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CAMPOY
Weg der Hoffnung
Das Bildungs- und Sozialwerk CAMPOY in Lima/Peru
Ich möchte von einem Projekt aus der so genannten Dritten Welt berichten, das mit unseren Maßstäben von Architektur nicht gemessen werden kann. Es wurde mit den denkbar einfachsten Methoden und mit äußerst geringem finanziellen Einsatz durchgeführt. Es gibt überhaupt keinen Menschen, der von sich allein sagen könnte er sei der Architekt dieses Werks, denn viele Menschen, zu denen ich auch gehöre, gestalten dies Werk, jeder mit seinen Möglichkeiten und auf seine Weise.
CAMPOY ist der Gestalt gewordene Wille eines Kollektivs, eines langen Prozesses aus Leiden, Träumen, realen Bedürfnissen und Zwängen des Lebens, Forderungen und Protesten von Menschen, die in unserer Werte-Skala ganz unten rangieren.
CAMPOY liegt so weit östlich der Riesenstadt Lima, dass die Behausungen schon anfangen, die Ausläufer der Anden empor zu klettern. Soweit das Auge blickt, nur Geröll, Erde, unverputzte Rohbauwände und Staub.
Ein solcher Barrio, ist die Heimat von Ana-Maria Ledesma. Sie und ihr aus Deutschland stammender Mann, Franz Ecker, hatten sich Anfang der 70er Jahre als junge Pädagogen in Rom kennen gelernt und ihre Berufsarbeit in Lima aufgenommen, voller Kritik, ja Entsetzen über die dortigen sozialen Einrichtungen, welche vor allem den Kindern der armen Bevölkerungsschicht so gut wie gar keine geregelte Schulbildung ermöglichen. Überzeugt davon, dass der Weg aus dem Elend in ein menschenwürdiges Dasein nur durch Solidarität der Betroffenen und mit einer angemessen Ausbildung führt, ergriffen sie die Initiative und gründeten zusammen mit ihren peruanischen und deutschen Freunden und vor allem einem Kreis von Betroffenen den Verein „Solidaridad-Peru-Alemania“ in der 3. Etappe von CAMPOY im Distrikt San Juan di Lurigancho in Lima. Heute – 2008 nach über 25 Jahren – umfasst das Bildungs- und Sozialwerk an die 12 verschiedene Einrichtungen vom Kindergarten bis zur Lehrerausbildung mit etwa 4.000 Kindern, Jugendlichen und Lehrern und relativ wenigen Angestellten und vielen ehrenamtlich arbeitenden Menschen.
Mein erster Besuch in CAMPOY Februar 1986 bestätigte anschaulich dass auf dem Weg über die Betroffenen ein das gesamte soziale und urbane Umfeld heilender Prozess in Gang gesetzt werden kann. Bei meinen weiteren Besuchen bis heute konnte ich eine sich kontinuierlich verbessernde Infrastruktur beobachten, die ausschließlich aufgrund von Absprachen, Beiträgen und Eigenleistungen der Bewohner in CAMPOY zustande gekommen war. Prinzip bei allen Einrichtungen ist, dass mit Hilfe der deutschen Freunde, aber hauptsächlich mit Eigenhilfe von Lehrern und Eltern die notwendigen Räume mit der dazugehörigen Infrastruktur gebaut werden und zwar dezentral verteilt in dem gesamten Distrikt, wo vor allem arme Menschen leben. Träger ist der peruanische Verein Solidaridad-Peru-Alemania, der in Verträgen mit dem Staat, diesen verpflichtet, die Gehälter der Lehrer zu bezahlen, wobei diese vom Verein ausgesucht werden. Dies ist immer wieder ein strittiger Punkt, nicht zuletzt da auch in diesem Bereich die Korruption „blüht“.
Meine Hauptaufgabe im deutschen Förderverein (er nennt sich: Herederos del Planeta – Erben der Erde, besteht darin, Spenden einzuwerben. Meine Aufgabe als Architekt beschränkt sich in der Regel auf die Beratung bei der Auswahl der Grundstücke und der Nutzung, d.h. Anordnung der Klassenbaukörper. Ein Hauptaugenmerk dabei richtet sich natürlich auf die Beschaffung von Wasser und die Entsorgung der Abwässer, die zum Teil wiederum zu Bewässerung und Kultivierung von Vegetationen dienen. Ist einmal ein Grundstück gefunden worden, das oft noch mitten in der Wüste liegt, wird als erstes eine hohe Mauer an den Grenzen errichtet, um 1. keinen Zweifel an der ordnungsgemäßen Vermessung aufkommen zu lassen und 2. den Diebstahl von gelagerten Materialien zu verhindern. Das „erste“ Gebäude ist dann auch Wohnraum für eine auf dem Grundstück wohnende Familie, sozusagen als „Hausmeister“. Bei so gut wie allen Einrichtungen sind es immer Frauen, die diese Funktion am besten und am verantwortungsvollsten übernehmen.
Beim Bauen selbst kommen Maschinen aus Kostengründen so gut wie gar nicht zum Einsatz, das meiste wird von Hand und vieles in Eigenhilfe durchgeführt. Eltern und Kinder sind derart gespannt auf ihr neues Schulgebäude, dass sie deren Fertigstellung gar nicht abwarten, sondern bereits den Rohbau beziehen, um dort – auf gestampftem Lehmboden und mit einigermaßen appetitlich farbig behandelten Wänden sich einzurichten, zu unterrichten und zu lernen. In CAMPOY gibt es auch eine Schreinerei, die nicht nur die eigenen Schulmöbel herstellt, sondern darüber hinaus Aufträge durchführt.
Etwas dort ganz und gar Ungewöhnliches ist die Einrichtung einer Schule für Behinderte. Anstelle eines nicht bezahlbaren Aufzugs (das Gebäude musste zweigeschossig errichtet werden) habe ich kurzer Hand eine 70 m lange Rampe entworfen, kombiniert mit einem Schattendach und darunter jede Menge Kaninchenställe als wertvolle Einnahmequelle.
Eine weitere Besonderheit ist ein großes Institut für die Ausbildung von Fachlehrern mit angegliederten Werkstätten. Im Zentrum dieser Anlage bauten wir ein ca. 600 Personen fassendes „Auditorio“. Ich entwarf es als Zentralbau auf fünfeckigem Grundriss mit ringsum ansteigenden Sitzreihen, Wände und Stützen aus Beton. Die äußerst einfache Dachkonstruktion aus Holz wurde mit den örtlichen meist ungelernten Arbeitern verzimmert und montiert. Ohne die Hilfe eines Freundes, des Ingenieurs Gerhard Horz, wär das nicht möglich gewesen. Wir waren insgesamt vier Mal mehrere Wochen dort, um zusammen mit Franz Ecker nicht nur als „Vorarbeiter“, sondern auch als Unternehmer und im Grunde auch „Bauherr“ zu fungieren. Da das Gebäude praktisch ohne Firmen von uns selbst nicht nur geplant, sondern auch gebaut wurde, blieben die Baukosten unter 150.000 Dollar.
Mittlerweile wird dies Ereignis in den Slums von Lima als ein kleines Wunder bestaunt und immer häufiger nicht nur von Schülern und Studenten, sondern auch von der Bevölkerung genutzt, ja sogar für musikalische Veranstaltungen im Austausch von Schülern aus den sozial ganz unterschiedlichen Regionen der Großstadt Lima.
Ich habe meine selbständige Arbeit als Architekt in Deutschland 1962 mit einem Schulgebäude begonnen (Max-Ernst-Gymnasium in Brühl) und in der Folge bis vor kurzem immer wieder Bauten für Kinder geplant und gebaut. Rückblickend kann ich deutlich feststellen, in welcher Weise meine Begegnung mit den Menschen in den Slums von Peru auch die Sprache meiner Schulbauten in Deutschland verändert hat und zwar aus meiner Sicht eindeutig positiv, allerdings mit dem Ergebnis, dass diese Bauten beim so genannten Fachpublikum keine große Resonanz mehr gefunden haben, wohl aber von Kindern, Lehrern und Eltern in einer Weise angenommen und genutzt werden, wie ich es mir nicht besser wünschen könnte. Aufgrund dieser Erfahrung spreche ich gern von umgekehrter Entwicklungshilfe, die ich selbst erfahren durfte.
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